Da im letzten Tutorium die von mir geplante Diskussion zum Thema „Einfluss von Weblogs auf Journalismus, auf traditionelle Medien“ aus Zeitgründen leider gestrichen werden musste, mir dieser Punkt aber wichtig ist, stelle ich euch hiermit meine diesbezüglichen Notizen zu Verfügung.
Ihr seid natürliche alle eingeladen, eure Gedanken dazu zu äußern!
Verwendete Literatur
Alphonso, Don (Hrsg.): Blogs! – Text und Form im Internet. Berlin. Schwarzkopf & Schwarzkopf. 2004
Der Einfluss von Weblogs auf den Journalismus
Einleitung (vgl. Alphonso, 2004: S. 24 bis 26)
Das Internet hebt die traditionelle Trennung zwischen Sendern und Empfängern von Informationen auf und gibt somit auch an sich passiven Nutzern die Möglichkeit, aktive Teilnehmer zu werden. Und mittlerweile sind über 70% des jungen, kaufkräftigen Menschen im deutschen Sprachraum gewohnheitsmäßig online. Internetnutzer lassen sich aber nicht, wie in anderen Medien, über längere Zeit vereinnahmen, sondern sie flüchtige Wesen, die von einer Seite zur nächsten springen.
Dessen keine Beachtung schenkend, leben Journalisten dennoch weiterhin mit dem Bewusstsein, sie hätten eine „Gatekeeper-Funktion“ (Alphonso, 2004: S. 26) und seien diejenigen, die entscheiden, welche Informationen relevant sind und welchen Ausschnitt der „vom eigenen Vorurteil geprägten Halbwahrheit“ (Alphonso, 2004: S. 26) sie dem Leser präsentieren. Was derzeit im Bereich der Weblogs entsteht, wird von ihnen kaum wahrgenommen.
12 Gründe, warum sie das wahrscheinlich doch tun sollten:
1 Sie sind überall (vgl. Alphonso, 2004: S. 27)
Während eine Zeitung bei jedem Thema abwägen muss, ob es sich lohnt, einen Journalisten damit zu beauftragen, stellt sich diese Frage für Blogger nicht. Blogger schreiben zunächst nur für sich selbst und auch, wenn es sich dabei um Themen handelt, von denen sich professionelle Medien längst zurückgezogen haben. Damit werden einzelne Blogs zwar nie Massen an Lesern erreichen, aber sie sind überall präsent. Es gibt überall und zu jedem Thema Blogs. Und die Folgen sind dramatisch für die Medien. Denn auch, wenn ein Blog vielleicht nur wenige Besucher hat, so binden alle gemeinsam doch eine große Menge an Menschen, die in Folge täglich ihre Blogs anstatt andere Mediengiganten besuchen und diesen somit verloren gehen.
2 Sie sind normal (vgl. Alphonso, 2004: S. 28 )
Während Medien an Ereignisse gebunden sind – wenn nichts Außergewöhnliches passiert, gibt es keine Schlagzeilen – schreiben Blogger über die so genannte Normalität. Sie sprechen über das, was sie tagtäglich erleben, über „nicht wirklich Ungewöhnliches“ (Alphonso, 2004: S. 28 ), aber beschreiben das in einer Weise, die ein paar tausend Leser offensichtlich interessanter finden als die „angeblich weltbewegenden Neuigkeiten“ (Alphonso, 2004: S. 28 ). Dieser „Reiz des Normalen“ hat es vollbracht, dass „der Markt, den sich die Medien nicht mehr leisten können“ (Alphonso, 2004: S. 28 ), inzwischen den Bloggern gehört.
3 Sie werden nicht von der PR behelligt (vgl. Alphonso, 2004: S. 29 und 30)
Im Gegensatz zu Journalisten sind Blogger nicht von einer „PR-Maschinerie“ abhängig, die sie mit „wohlformulierten Themen“ und Nachrichten „mitsamt perfektem Bildmaterial“ (Alphonso, 2004: S. 29 und 30) eindeckt. Sie warten nicht auf Inputs, sondern erleben ihre Situationen selbst und schreiben darüber. Während Journalisten also vorgeben, einen Blick auf die Welt zu geben, der allerdings nur das eingeschränkte Material widerspiegelt, das ihnen zu Verfügung gestellt wird, berichten Blogger über die Welt, wie sie tatsächlich von ihnen erlebt wird.
4 Sie sind nicht an Werbekunden gebunden (vgl. Alphonso, 2004: S. 30 und 31)
Die großen Medienhäuser finanzieren sich, im Gegensatz zu Blogs, vor allem durch Werbung, wodurch ihre Konsumenten oft lediglich als Reichweite bzw. Zielgruppe und nicht als individuelle Leser, Zuschauer oder Hörer von Interesse sind. Auf der anderen Seite sind Blogger als Einzelpersonen für die Werbebranche meist uninteressant, da sie immer noch als unbedeutend und unprofessionell gelten und keine verlässlichen Mediendaten liefern, womit Kampagnenplanung betrieben werden könnte. Somit nehmen Blogger die Position von „unbezahlten Autoren“ ein, „die keinen finanziellen Grund haben, mehr oder weniger deutlich Promotion einfließen zu lassen.“ (Alphonso, 2004: S. 30) Doch gerade damit gelingt es ihnen unter anderem, Leser abzuwerben; Nämlich dann, wenn sich diese dort Informationen holen, wo sie nicht durch aufdringliche Werbung genervt werden, in den Blogs.
5 Sie können im Internet besser recherchieren (vgl. Alphonso, 2004: S. 31 und 32)
Zum einen stellen Nachrichtenportale eine unverzichtbare Quelle für viele Blogger dar. Zum anderen bedeutet das aber nicht, dass die Nachrichten ohne wenn und aber, mit einem Monopol auf Wahrheit, übernommen werden. In Blogs kommt immer wieder zum Ausdruck, dass Journalisten „Generalisten sind, die sich in die Themen erst mal einarbeiten müssen“ (Alphonso, 2004: S. 32) und Blogger hingegen auf ihrem jeweiligen Gebiet Spezialisten sind. Blogger schreiben nur das, was sie wirklich interessiert und übernehmen Nachrichten nicht einfach nur, sondern vergleichen und überprüfen sie mit anderen Quellen zum gleichen Thema. „Für den Journalisten ist das eine digitale Zwickmühle: Sein Artikel wird einerseits vom Blogger für den eigenen Beitrag kannibalisiert und andererseits als nicht lesenwert beschrieben.“ (Alphonso, 2004: S. 32)
6 Sie sind eine kostenlose Basis für Recherche (vgl. Alphonso, 2004: S. 33)
Umgekehrt bieten Bloggs vorselektierte Informationen und Links und somit Ansatzpunkte zu jedem Thema – in leicht verständlicher Sprache, weil nicht von Wissenschaftlern -, die von Journalisten gerade in Zeiten des Kostendrucks dringend gesucht sind. Journalisten ersparen sich dadurch oftmals das aufwändige unabhängige „Sammeln und Bewerten von Quellen und die Bearbeitung eines komplexen Sachverhalts für ein breites Publikum“ (Alphonso, 2004: S. 33) und „kapitalisieren“ (Alphonso, 2004: S. 33) damit die kostenlose Arbeit der Blogger, ohne sie als Informanten nennen zu müssen. Blogs gewinnen somit immer mehr an Reichweite. Denn sie bestimmen unter anderem, welche Quellen von Journalisten wahrgenommen werden und welche nicht.
7 Sie vernetzen sich (vgl. Alphonso, 2004: S. 34 und 35)
Das Ranking in Google bildet sich, glaubt man diesem Buch, nicht nach der Finanzkraft des Wirtschaftsunternehmens, sondern nach der Häufigkeit der Veränderung einer Seite und der Anzahl der Links, die von anderen Seiten auf die jeweilige Seite verweisen. Für professionelle Medien stellt es ein Problem dar, wenn ein Link von ihrer Seite wegführt und somit von sich selbst ablenkt. Blogs wissen jedoch dieses System zu nutzen. Denn „Zitieren und Linken von Texten, die man woanders gelesen hat“, ist eine der „ursprünglichsten Tätigkeiten des Bloggens“ (Alphonso, 2004: S. 34). Man holt sich die Informationen, die man selbst nicht hat und setzt einen Link. Angesichts der zunehmenden Verbreitung von Blogs, verweist man jedoch immer häufiger aufeinander und verliert damit keine Leser, sondern verdichtet das Netz an Blogs immer mehr.
8 Sie sind schneller (vgl. Alphonso, 2004: S. 35 und 36)
Bis in traditionellen Medien etwas veröffentlicht wird, dauert es verhältnismäßig lange. Zunächst muss aufgrund der erforderten Tagesaktualität immer längerfristig geplant werden, „um innerhalb der großen, täglich erscheinenden Medien eine ausgewogene Berichterstattung zu gewährleisten“ (Alphonso, 2004: S. 35). Dann ist der Ausgangspunkt der Arbeit des Journalisten die Redaktionskonferenz, die bestimmt, welche Themen von wem behandelt werden. In Folge wird ein Beitrag geschrieben, vom Redakteur geprüft und schließlich veröffentlicht, oder eben auch nicht. Bloggen geht hingegen wesentlich schneller: Der Blogger stößt auf etwas Interessantes, logt sich ein, schreibt seinen Beitrag und schaltet ihn frei.
9 Sie sind das dauerhafte Gedächtnis des Netzes (vgl. Alphonso, 2004: S. 37)
Wenn traditionelle Medien ihre Online-Beiträge nach einiger Zeit aus dem Netz nehmen, bleiben die Blogeinträge dennoch erhalten und sind somit oft die einzige Informationsquelle, die im Internet bleibt. In diesen Fällen sind die Internetbesucher geradezu gezwungen, sich mit Blogs und deren Inhalten anstatt mit traditionellen Medien und deren Beiträgen auseinanderzusetzen, um gewünschte Informationen zu erhalten.
10 Im Netz sind alle gleich (vgl. Alphonso, 2004: S. 38 )
Ein weiterer Nachteil traditioneller Medien im Internet ist der, dass im Netz alle mit den gleichen Mitteln auskommen müssen. Im Gegensatz zur Welt außerhalb des Computers, wo es gilt „je aufwendiger, desto teurer“ (Alphonso, 2004: S. 38 ) – teureres Papier, aufwändigere Farbdrucke, Designs, Layouts und Effekte sind mehr wert – erscheinen im Internet alle Medien beim Benutzer auf dem selben Bildschirm. Niemand hat mehr Farben oder einen größeren und besseren Browser zu Verfügung als kostenlose Blogs. Effekthascherei ist somit ausgeschaltet.
11 Sie haben die bessere Internet-Schreibe (vgl. Alphonso, 2004: S. 39 und 40)
Nachdem Webseiten und Online-Redaktionen traditioneller Medien „nicht kostendeckend zu betreiben sind, wird dort an allen Ecken und Enden gespart“ (Alphonso, 2004: S. 39). Blogs hingegen brauchen keine Finanzierung, da die meisten Blogger für sich selbst schreiben. Sie entsprechen allerdings kaum den Anforderungen, die an einen klassischen journalistischen Beitrag gestellt werden. Doch gerade ihren „Mangel an Methode und Konsequenz in der Umsetzung der Themen“ (Alphonso, 2004: S. 40) machen sie zu ihrem Vorteil. Online muss man nicht jeden Gedanken zu einem ganzen Artikel ausweiten – oft reicht ein einfaches Emoticon, um auszudrücken, was gemeint ist. Und möchte man mehr schreiben, ist der Platz unbegrenzt. „Gerade der ständige Wechsel von unterschiedlichsten Texten und Textfragmenten macht das Lesen eines Blogs abwechslungsreich“ (Alphonso, 2004: S. 40).
12 Sie haben eine private Meinung (vgl. Alphonso, 2004: S. 40 und 41)
Die traditionellen Medien verfassen immer mehr der „immer gleichen Texte zum gleichen Thema, alle hergestellt von den immer gleichen Agenturen“ (Alphonso, 2004: S. 40), um im Mainstream mitzuschwimmen und nirgendwo anzuecken. Dabei herrschen Verarmung an journalistischen Darstellungsformen und Standardlängen der Beiträge. Bei Blogs hingegen geht es nicht darum, einer Meinung oder einem Format zu entsprechen. „Es geht fast immer um die radikal subjektive Erfahrung und Weltsicht“ (Alphonso, 2004: S. 40), egal wie viele Absätze man zur Darstellung derselben benötigt. „Blogger berichten einseitig, parteiisch, sie kommentieren, machen sich lustig“ (Alphonso, 2004: S. 40), sie sind „nicht angepasst, sondern frei“ (Alphonso, 2004: S. 41) und ihre Leser wissen nie, was sie erwartet, was die ganze Sache ja so spannend macht.
Fazit (vgl. Alphonso, 2004: S. 41 bis 43)
„Blogs setzen den klassischen Medien eine veränderte Auffassung von Öffentlichkeit und Publizität entgegen. Ob das aus Sicht der Medien ‚guter’ oder ‚schlechter’ Journalismus im Sinne der üblichen Qualitätskriterien ist, spielt keine Rolle“ (Alphonso, 2004: S. 41). Mit ihrer anderen Form von Journalismus erreichen sie mitunter ein anderes Publikum. De Facto gibt es sowohl ausreichend Angebot als auch Nachfragen nach den Inhalten von Blogs.
Wandern zu viele Leser traditioneller Medien zu Blogs ab, werden rote Zahlen geschrieben. Dennoch sind Blogs „als Einzelmedien so klein und verstreut, dass die Kosten aller Abwerbungsversuche in keinem Verhältnis zum möglichen Gewinn stehen würden“ (Alphonso, 2004: S. 42). Beabsichtigt war dieser Kampf um Leser seitens der Blogger jedoch nie. Denn nur äußerst wenigen Bloggern geht es um die Bildung einer „Gegenöffentlichkeit“ (Alphonso, 2004: S. 42). Generell geht es Bloggern um keine politische oder weltanschauliche Ausrichtung, sondern in erster Linie um den „Spaß am Publizieren“ (Alphonso, 2004: S. 42).
Trotzdem sind es Blogs, die, wenn auch nicht beabsichtigt, die Monopole der Verlage angreifen, indem diese nun nicht mehr die Einzigen sind, die entscheiden, was geschrieben und gelesen wird und werden soll.
Für traditionelle Medien gibt es nur zwei mögliche Wege, diesem Dilemma zu entkommen: Entweder, „man instrumentalisiert die Blogger für sich, indem man Software und Webspace zur Verfügung stellt“, was bisher allerdings eher erfolglos war oder „man setzt die eigenen Standards im Internet so hoch an, dass die Blogger damit nicht konkurrieren können“ (Alphonso, 2004: S. 43).